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Indien verbietet Kinderarbeit im Tourismus - Südasien-Magazin

Veröffentlicht von () am 12.11.2006
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Urlaubsgenuss ohne Kinder in Indien?

 Indien verbietet Kinderarbeit in Gastgewerbe und in Privathaushalten, Schätzungen gehen von Millionen betroffener Kinder aus, Kritiker stellen Effektivität des Gesetzes in Frage

 „Vielen Dank“, sage ich, als ich mich an den perfekt gedeckten Tisch setze. Die Augen meiner kleinen Tochter strahlen, sie ist stolz auf sich – und ich auf sie, weil sie schon viel im Haushalt helfen kann und darf.

Dürfen. Das Modalverb macht den Unterschied. Für Tausende Kinder weltweit ist die Mithilfe im Haushalt ein Muss. Nicht nur im eigenen Haushalt, auch in anderen Privathaushalten oder in professionellen Betrieben im Gastgewerbe arbeiten Kinder – Vollzeit.

Am 10. Oktober 2006 begann für Tausende betroffener Kinder zwischen sechs und 14 Jahren in Indien eine neue Zeitrechnung. An diesem Tag trat ein Gesetz in Kraft, nach dem nun auch professionelle Arbeiten im Gastgewerbe und im Haushalt als entwicklungsschädigende Tätigkeiten angesehen werden. Die Anzahl der geächteten Berufe (occupations) und Arbeitsabläufe (processes) erhöht sich damit auf 13, bzw. 57. Bei Verstoß gegen das Gesetz drohen Geldstrafen zwischen 10.000 und 20.000 Rupien (ca. 170-340 EUR) und Gefängnisstrafen von mindestens drei Monaten bis zu zwei Jahren.[i]

Der Umfang der Maßnahme ist beachtlich. Angaben der Südasiatischen Koalition gegen Kinderknechtschaft (South Asian Coalition on Child Servitude) „Bachpan Bachao Andolan“ (BBA) zufolge, geht die indische Regierung von 260.000 Betroffenen aus. Die Schätzungen nichtstaatlicher Organisationen seien aber wesentlich höher, man rechne mit bis zu 20 Millionen Fällen von Vollzeitbeschäftigung alleine im Gastgewerbe und in Privathaushalten.[ii] Im Jahr 2001 gab es laut offiziellem Zensus in Indien insgesamt 12.666.377 Kinderarbeiter[iii], womit das neue Verbot gerade ca. zwei Prozent betrifft. Dessen Einführung empfahl eine technische Beratungskommission mit dem Hinweis auf die Gefahr physischer Gewalt, psychologischer Traumata, etwaigen sexuellen Missbrauch. Besonders die in der Gastronomie entlang der Verkehrsadern (roadside eateries and highway dhabas)  arbeitenden Kinder seien leichte Opfer für Sex und Drogenmissbrauch, da sie mit allen möglichen Leuten in Kontakt kämen[iv]. Kritiker bemängeln an diesen Ausführungen, dass derartige Bedingungen auf viele Bereiche zutreffen. Anstelle einer „dünnen Grenze“ zwischen gefährlicher und ungefährlicher Arbeit fordern sie ein generelles Verbot der Kinderarbeit.[v]

Viele Indienbesucher wissen wie gewaltig diese Forderung ist: Unmittelbar nach Verlassen des Flughafengebäudes bietet ein Junge an, das Gepäck zu tragen. Das Frühstück im lokalen Imbiss wird von einem Kind serviert, im Hintergrund spült ein weiteres Geschirr. Während der Zugfahrt fegt ein Knirps auf Knien rutschend den Boden, während zwei andere Erdnüsse und Früchte feilbieten. In der Privatunterkunft finde ich zwei Mädchen beim Reinigen des Badezimmers vor. Diese Liste ließe sich fortsetzen. Das eigentlich schockierende für mich als Europäer war die Selbstverständlichkeit, mit der Inder/innen diesen Sachverhalt akzeptieren. Unrechtsempfinden ist kulturell geprägt und Kinderarbeit ist (zumindest noch) eine Realität, die den Aufenthalt begleitet.

Vorausgesetzt man will: In der Empfangshalle des Flughafens wartet ein Herr im Livree mit einem Namensschild. Durch den Seitenausgang geht es zu einer Limousine. Abgedunkelte Fenster schützen während der Fahrt ins abseits gelegene Hotel vor der Sonne – und vor allzu „heißen“ Eindrücken. Im Reisebus erlaubt es die erhöhte Sitzposition, etwas über den Dingen zu stehen bzw. den Blick in die Ferne schweifen zu lassen. Der direkte Zugang zu den Sehenswürdigkeiten ist dank guter Organisation garantiert. Auch auf dem Hausboot und im Strandhotel sind alle Angestellten Erwachsen. Zumindest vor den Kulissen: Wer reinigt das Hausboot nach der Abreise, wer putzt hinter der Küchentür das Gemüse und wer hat das Hotel gebaut ? Die Association for Promoting Social Action (APSA) schätzt, dass von den geschätzten 800.000 Baustellenarbeitern in Bengaluru (bis 2006: Bangalore) über 40 Prozent Kinder sind[vi].

Es wäre eine dramatische, wenn auch interessante Rechnung, wie viel die Kinderarbeit zum gegenwärtigen Wachstum Indiens beitragen. Leider werden derartige Daten selten erfasst, zumindest im Tourismus. Ändern kann dies eine Befragung zu Arbeitsverhältnissen (employment) im Tourismus[vii], die gemeinsam von der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) und der World Tourism Organisation (UNWTO) durchgeführt wurde. Dort wird u.a. nach Altersgruppen befragt und auch eine Unterscheidung zwischen erwachsenen und jugendlichen Angestellten vorgenommen, gezielt nach Kinderarbeit wird jedoch nicht gefragt. So bleibt fraglich, ob a) die Teilnehmer die Kinderarbeit erwähnen und b) ob diese Angaben entsprechend ausgewertet würden. Die Daten entlang der touristischen Leistungskette blieben ohnehin auf der Strecke. Die Bauphase des Hotels ist abgeschlossen und für die Zustände bei den Zulieferbetrieben – den Groß- und Kleinhändlern, der Landwirtschaft, den Souvenirherstellern etc. – fühlen sich nur sehr wenige Betriebe verantwortlich. Gerade in dieser Komplexität des Systems Tourismus besteht die Herausforderung einen wirklich rundum fairen Tourismus zu verwirklichen.

Ein indischer Freund, Großhändler von Beruf, wurde gefragt, ob er garantieren könne, dass seine Waren ohne Kinderarbeit hergestellt werden. Sein deutscher Geschäftspartner wollte sichergehen bevor er sich um ein entsprechendes Label bewirbt. Die Recherche ergab, dass im Veredelungsprozess auch ein Kind beschäftigt war. Zu gleichem Lohn und bei verkürzter Arbeitszeit. Der Hintergrund: Der Vater des Jungen ist verschwunden, die Mutter chronisch krank, die Medikamente teuer. Die angebotene Schulausbildung hatte der Junge mehrfach abgelehnt, weil er während dieser Zeit nicht arbeiten könne.
Eine Gastfamilie in einem Homestay im Himalaya hatte zwei Waisenkinder aus der Nachbarschaft „gegen Mithilfe“ aufgenommen. Die Schulgebühren für die eigenen Kinder wurden u.a. durch diese Mithilfe co-finanziert. Den Waisen blieb „nur“ Essen, Kleidung und Unterkunft.

Armut ist der „Nährboden für Kinderarbeit; es sind die Kinder der Armen und die sozial und ökonomisch benachteiligten Bevölkerungsschichten, die arbeiten.“[viii]. Kinderarbeit ist kostengünstig und dies gewährleistet eine große Nachfrage. Einer Studie[ix], auf die in einem Zeitungsaufsatz verwiesen wird, zufolge generiert sich die Nachfrage aus zwei Gründen: Arbeitgeber versuchen durch den komparativen Kostenvorteil größere Gewinne zu erzielen und kleinere (Familien-) Unternehmen können erst durch die niedrigen Kosten in wenig produktiven Bereichen bestehen. Ersteres ist unmoralisch, das zweitere bedenklich.

Bedacht werden sollten aber auch das Image der „Billigdestination“ Indien. Nicht nur von Rucksackreisenden, sondern auch von den Einkäufern ausländischer Veranstalter, von lokalen Agenturen etc. Ein Feilschen um jede Rupie wird die Situation der Kinder nicht verbessern. Weder werden statt Kindern Erwachsene eingestellt, noch wird der Kinderlohn angehoben werden. Die Kinderarbeit ist auf dem Papier verboten. Die geplanten Auffangmaßnahmen – und die notwendigen sozialen Sicherungssysteme – sind noch lange nicht in die Realität umgesetzt. Es wird einer langen Übergangszeit bedürfen, bis der Wunsch vom „Urlaubsgenuss ohne Kinder“ auch im hintersten indischen Dorf in die Tat umgesetzt ist. Auch in Europa hat es dieser Zeit bedurft. Heute aus dem Fenster des „Reisebusses Entwicklung“ ad-hoc-Maßnahmen zu fordern, ist realitätsfremd. Besser beim nächsten Urlaub gemeinsam mit einem Homestay-Betreiber (oder einer lokalen Hilfsorganisation) an machbaren und fairen Langfristlösungen arbeiten – die Urlaubskasse wird es verkraften. Dann kann man bis zur Abschaffung der Kinderarbeit auch „Dank für den schön gedeckten Frühstückstisch“ sagen. „Und jetzt los zur Schule!“



[i] Ministry of Labour and Employment, Govt. of India, Legislative Provisions Prohibiting and Regulating Employment of Children, http://labour.nic.in/cwl/legislative_provision.htm

[ii] Bachpan Bachao Andolan, India Launches Liberation Caravan (Mukti Caravan) Against Child Labour (October 10, 2006), http://www.bba.org.in/campaigns/mukticaravanlaunched.php3

[iii] Ministry of Labour and Employment, Govt. of India

State-wise Distribution of Working Children according to 1971,1981, 1991 and

2001 Census in the age group 5-14 years

http://labour.nic.in/cwl/Census1971to2001.pdf

[iv] http://www.headlinesindia.com/national/index1.jsp?news_code=14342

[v] Prof. Madhura Swaminathan, Time to ban all forms of child labour, in The Hindu, Oct. 10, 2006, Coimbatore Edition, Editorial, S. 10, online: http://www.hindu.com/2006/10/10/stories/2006101004011000.htm

[vi] Chitra V. Ramani, ’40 per cent of workers on construction sites are children’, The Hindu, Oct. 7, 2006, Bangalore Edition, Karnataka, Seite 6, online: http://www.thehindu.com/2006/10/07/stories/2006100706550400.htm

[vii] ILO/UNWTO joint project and questionnaires: Employment in tourism industries, http://www.unwto.org/statistics/tourism/unwto_ilo.htm

[viii] Prof. Madhura Swaminathan, a.a.O.

[ix] Prof. Madhura Swaminathan, a.a.O. bezieht sich auf die Studie “The Economic Consequences of the Abolition of Child Labour” von C.P. Chandrasekhar, die leider nicht mehr auf der Website des UN-Development Programm (http://www.undp.org.in/hdrc/childrenandpoverty/REFERENC/REPORTS/chandra/jps.PDF) verfügbar ist.

Zuletzt geändert am: 31.01.2009 um 9:03 PM

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